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Stabsabteilung Chancengleichheit

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Chancengleichheit in der Krise

Interview mit Prof. Dr. Paula Schrode, Universität Bayreuth

Gibt es Unterschiede im Umgang mit Corona in islamischen Kontexten?

Insgesamt sehe ich keine wesentlichen Unterschiede. Zu Beginn der Ausbreitung waren Länder mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit lange Zeit kaum betroffen, etwa die Türkei. Dazu kursierten vereinzelt religiöse Interpretationen: Zum Beispiel, dass die Regeln zur rituellen Reinheit im Islam vor der Ansteckung schützen, oder dass es göttlicher Wille wäre, dass Muslime weniger heimgesucht werden. Aber solche Auffassungen wurden natürlich bald obsolet. 


Die Gotteshäuser sind weitgehend geschlossen. Welche Rolle spielt Religion in Zeiten von Corona?

Hier entsteht wirklich ein sehr interessantes Spannungsfeld. Religion ist typischerweise eine zentrale Instanz in Krisensituationen. Genau das hat aber einige Probleme verschärft: Trotz öffentlicher Warnungen und den bekannten Verhaltenshinweisen wurde in christlichen wie islamischen Kontexten teilweise zum Schutz vor der Pandemie zu großen Gemeinschaftsgebeten aufgerufen. In Iran versammelten sich noch inmitten der Krise zahlreiche Pilger an den Gräbern von Heiligen, um von deren Segenskraft zu profitieren, und in manchen Kirchen wurde bewusst ohne Vorsichtsmaßnahmen das Abendmahl gefeiert. Tatsächlich waren Massengottesdienste etwa in Frankreich oder Südkorea zentrale Infektionsherde. Und gerade wurde ein Text verbreitet, in dem eine Gruppe teils hochrangiger katholischer Geistlicher das Virus als Teil einer Verschwörung darstellt. Religion wird daher im Kontext der Pandemie auch immer wieder als irrationaler und unberechenbarer Faktor wahrgenommen, der einer wissenschaftlich informierten Herangehensweise diametral entgegengesetzt ist. Während bei der Aids-Epidemie gerade aus konservativen religiösen Milieus heraus mit dem Finger auf sexuelle Randgruppen gezeigt wurde, erscheinen nun bisweilen Religionsgemeinschaften als besonders gefährlich. Aber das sind natürlich nur kleine Ausschnitte aus der sozialen Wirklichkeit. Auf der anderen Seite gibt es die Moscheen, die jetzt nicht den sonst üblichen Gebetsruf erklingen lassen, sondern auf eine alte Tradition für Krisenzeiten zurückgreifen, indem sie die Gläubigen zum Gebet zuhause aufrufen. Oder die vielen christlichen Kirchen, die mit ihren Online-Gottesdiensten teils mehr Menschen erreichen als beim üblichen Sonntagsgottesdienst und zugleich Nachbarschaftshilfe anbieten und wichtige Aufklärung leisten. Auf jeden Fall ist bei vielen Menschen klar ein Bedürfnis zu sehen, sich gerade in diesen Tagen an vertraute Institutionen zu wenden und auch religiöse Antworten auf die Krise zu erhalten.

Sie beschäftigen sich auch mit Ritualen, müssen diese nun an die Pandemie angepasst werden?

Manches wird angepasst, auch wenn nicht für alles zufriedenstellende Lösungen gefunden werden. Mit am sensibelsten ist es sicherlich, wenn keine angemessenen Bestattungsfeiern stattfinden können. Um das aufzufangen, stellen manche Geistlichen Anleitungen dafür ins Internet, wie man zuhause eine eigene Andacht für den Verstorbenen durchführen kann. Im Moment befinden wir uns im islamischen Fastenmonat Ramadan, der für Muslime traditionellerweise mit einem gemeinschaftlichen abendlichen Fastenbrechen verbunden ist. Normalerweise ist der Ramadan auch eine Zeit der vollen Moscheen, in denen man abends zu ausgedehnten Gebetszeremonien zusammenkommt. Das alles kann im Moment nur eingeschränkt stattfinden. Möglicherweise muss sogar die alljährliche Wallfahrt nach Mekka, die Hadsch, dieses Jahr entfallen – was allerdings im Laufe der Geschichte zu Krisenzeiten schon häufiger vorkam. Auch Ostern und Pessach haben dieses Jahr an vielen Orten unter sehr besonderen Umständen stattgefunden. Gerade die zentralen religiösen Rituale und Feiertage leben meist ganz wesentlich von der sozialen Dimension, wozu in der Regel auch körperliche Nähe gehört. Aber natürlich ändern sich nicht nur religiöse Rituale, sondern auch viele Gepflogenheiten im Alltag, wie die Formen des Begrüßens und die Pflege von Kontakten. Und nicht nur Paare, die sich kirchlich trauen möchten, stehen nun vor der schwierigen Frage, wie zu Zeiten der Pandemie ein Hochzeitsfest gelingen kann.



Verantwortlich für die Redaktion: Silke Reimann

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