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Stabsabteilung Chancengleichheit

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Chancengleichheit in der Krise

Interview mit Miriam Bauch, Leiterin der Stabsabteilung Chancengleichheit Universität Bayreuth

Welche Herausforderungen haben Sie als Leiterin der Stabsabteilung Chancengleichheit in der Corona-Pandemie?

Wir hatten hier in der Stabsabteilung Chancengleichheit von Beginn der Krise an zahlreiche Anfragen für Beratungen. Vor allem internationale Wissenschaftlerinnen sowie Wissenschaftlerinnen mit kleinen Kindern und mit befristeten Stellen hatten große Sorgen. Ich kann Ihnen viele Einzelfälle schildern. Eine Alleinerziehende mit kleinem Kind hat es einfach nicht schaffen können ihre Lehre, dessen Durchführung zur Pflicht erklärt wurde, ausreichend vorzubereiten. Ein Elternpaar war verzweifelt, weil beide viele Stunden in der Woche Lehrverpflichtung abhalten müssen und für ihre Kinder keine Betreuung hatten. Sie haben sich in der Betreuung abgewechselt, bis in die Nacht gearbeitet und sich kaum bzw. nur zur Übergabe der Kinder gesprochen. Für Wissenschaftler*innen mit befristeten Stellen und nahenden Fristen ist der Druck enorm hoch. Eine Kollegin war kurz vor der Abgabe ihrer Dissertation und dann plötzlich mit drei kleinen Kindern zu Hause und ohne eine Betreuung für sie. Eine internationale Wissenschaftlerin hat ihre Möglichkeit, außerhalb der Uni zu arbeiten und sich somit einen Zuverdienst zu erwerben, verloren und war in großer Not unter anderem wegen der Verlängerung ihres Visums. Dieses sollte ihr auf Grund der nicht ausreichenden finanziellen Lage nicht mehr verlängert werden.
​Ich kann noch viele Fälle mehr schildern. Wir haben alle Anfragen angehört und so gut wie möglich beraten, oft in Zusammenarbeit mit dem Kollegen Boris Wiedenhöfer aus der Familiengerechten Hochschule. In Bezug auf die Kinderbetreuung konnten wir meist nur unzufriedenstellende Antworten geben, da es der Uni Bayreuth nicht erlaubt war, eine Notbetreuung für die Kinder von Beschäftigten und Studierenden zur Verfügung zu stellen. Das Ministerium hat keine Systemrelevanz für Universitätsbeschäftigte gesehen obwohl Lehre pflichtmäßig abgehalten werden sollte. Das ergab für Viele und für uns auch einen großen Widerspruch. 


Welche Reaktionen gab es aus dem Kollegium?

Sehr unterschiedlich. Sehr unterstützend aber teilweise auch nicht. Es gab einige Personen und Personengruppen, die sehr wenig Verständnis für z.B. Eltern mit kleinen Kindern oder für internationale Wissenschaftlerinnen mit ihren besonderen Bedingungen gezeigt haben. Darüber haben wir uns sehr gewundert. Das hat uns auch zu dem Entschluss geführt, eine Stellungnahme mit Maßnahmenkatalog mit dem Titel „Die Corona-Pandemie verschärft den Gender Gap: Zur fehlenden Vereinbarkeit von Forschung, Lehre, Verwaltung und Studium mit Familienpflichten“ zu verfassen. Diese Stellungnahme hat uns viele positive Rückmeldungen vor allem von Eltern und Kolleg*innen mit befristeten Stellen gebracht.

Und die Hochschulleitung?

Die Hochschulleitung steht dem Thema ziemlich offen gegenüber, wie ich von meiner Chefin aus der Hochschulleitung höre. Die Frauenbeauftragte Professorin Birgitta Wöhrl hat das Thema immer wieder in die Sitzung der Hochschulleitung eingebracht und neue Fälle geschildert. Die Hochschulleitung hat reagiert und sich in Schreiben an das Kollegium dazu geäußert. Zuletzt hat der Präsident einen Brief an die Dekaninnen und Dekane verfasst, in dem er sie darum bittet, die Mitglieder ihrer Fakultät auf geeignete Weise zu sensibilisieren und Personen, die besonders von der schwierigen Situation betroffen sind, zu unterstützen. Darunter fällt auch die Möglichkeit einer Lehrdeputatsreduktion, die er mit zusätzlichen Mitteln unterstützt. Das wurde im Kollegium sehr positiv wahrgenommen.

Wie schaffen Sie es, sich weiterhin für Chancengleichheit an der Uni Bayreuth einzusetzen?

Hm. Wir sehen in unserer Beratung, dass der Bedarf an Zuspruch und natürlich auch an finanzieller Unterstützung groß und die Situation für Einzelne wirklich dringend und existenziell ist. Uns ist es gelungen, Drittmittel zur Vergabe von Härtefallstipendien einzuwerben. Diese können wir beispielsweise an Wissenschaftlerinnen mit existenziellen Schwierigkeiten auf Grund der Corona-Pandemie vergeben und schnell auf verschiedene Bedarfe reagieren. 
Andererseits arbeiten auch wir Kolleginnen in der Stabsabteilung Chancengleichheit durch den unregelmäßigen Schulbesuch unserer Kinder und deren Betreuung zu Hause unter besonderen Bedingungen. Auch wir haben weniger ruhige Arbeitszeit zur Verfügung als sonst und die vielen Beratungsanfragen haben unseren Arbeitsaufwand erhöht. Der Familiensegen hängt in Stresssituationen dann zwar mal ein bisschen schief aber dennoch sind wir zumindest teilweise auf unbefristeten Stellen. Das Gute ist, dass uns hoffentlich die coronabedingten Veränderungen wie zum Beispiel die Akzeptanz von Online-Konferenzen auch nach der Krise erhalten bleiben und manche Wege nicht mehr nötig sein werden. Daraus würde sich wiederum eine Erleichterung ergeben. Also, ich ziehe - mit etwas Mühe - auch positive Folgerungen aus der aktuellen Situation


Verantwortlich für die Redaktion: Silke Reimann

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