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Stabsabteilung Chancengleichheit

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Chancengleichheit in der Krise

Interview mit Prof. Dr. Birgitta Wöhrl, Universität Bayreuth

Derzeit sprechen besonders männliche Experten zum Coronavirus – welche Virologinnen sollten von den Medien besser wahrgenommen werden?

Da fallen mir spontan mehrere ein, allerdings nicht nur Virologinnen, sondern auch Expertinnen aus anderen Forschungsrichtungen. Es ist wichtig, nicht nur VirologInnen zu befragen, denn man muss die Krise von unterschiedlichen Seiten betrachten, gesellschaftlich, ethisch, juristisch, unter Genderaspekten etc.:

Prof. Dr. Susanne Herold: Leiterin für Infektionskrankheiten der Lunge am Universitätsklonikum Gießen und Leiterin der Abteilung Infektiologie. Sie leitet ein von der DFG gefördertes klinisches Forschungsprojekt zu durch Viren verursachte Lungenschädigungen. Sie arbeitet auch am neuen Coronavirus Sars CoV2.

Prof. Dr. Melanie Brinkmann: Professorin am Institut für Genetik an der TU Braunschweig und Helmholtz Zentrum. Sie arbeitet an viraler Immunmodulation, die ja auch bei Coronainfektionen eine Rolle spielt.

Prof. Ulrike Protzer: Virologin an der TUM. Lehrstuhl für Virologie an der TUM und Direktorin des Instituts für Virologie an der TUM und am Helmholtz Zentrum München.

Dr. Camilla Rothe, Fachärztin für Innere Medizin, Tropenmedizin und Infektiologie und Prof. Gisela Bretzel, Fachärztin für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie vom Institut für Tropenmedizin an der LMU München, das jetzt eine neue Studie „KOCo19“ zur Verbreitung der Coronapandemie und zu Gegenmaßnahmen begonnen hat.

Dr. Viola Priesemann ist Leiterin einer Max-Planck-Forschungsgruppe Theorie neuronaler Systeme und hat vor Kurzem ein Manuskript veröffentlicht in dem es um Computersimulationen zur Verbreitung des Corona-Virus geht. Solche Modelle sind wichtig, um die Pandemie und die Gegenmaßnahmen richtig einzuschätzen.

Prof. Dr. med. Alena Buyx ist Professorin an der TUM für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien und außerdem Mitglied im Deutschen Ethikrat. Ethische Einschätzungen der Maßnahmen und ihrer Folgen sind für unsere Gesellschaft ebenfalls von großer Bedeutung.

Prof. Jutta Allemendiger, Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Sie forscht u.a. über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise, hier vor allem über die Situation von Frauen in der Krise.

Ausserdem berät die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Regierung. Hier sind Mitglieder aus unterschiedlichen Fachrichtungen vertreten. Leider sind in dem Beratungsgremium, das über Lockdown und Exit-Strategien berät von 26 Personen nur 2 Frauen. Ich halte es für fatal, dass es in diesem Gremium so wenig Frauen gibt. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass gerade Frauen von den Auswirkungen der Corona-Krise besonders betroffen sind, da sie leider durch das home office und die Beschulung zuhause in vielen Fällen stärker belastet sind als die Männer. Die überwiegende Mehrheit der Mütter arbeitet in Teilzeit, jedoch nur wenige Männer. Deswegen übernehmen Frauen den größten Teil der Kinderbetreuung und die gesellschaftlichen Auswirkungen sind für Frauen viel gravierender als für Männer. Manche Wissenschaftlerinnen behaupten sogar, dass diese Krise den Fortschritt in der Gleichstellung von Frauen um 30 Jahre zurückwerfen wird.

Wie beurteilen Sie die derzeitigen Maßnahmen?

Ich glaube, dass einige der Lockerungen zu früh kommen. EpidemiologInnen halten den nun neu festgelegten Schwellenwert von 50 Neuinfizierten pro 100 000 EinwohnerInnen pro Woche für zu hoch. Wenn der Wert in allen Landkreisen Deutschlands überschritten würde, sind das über 40 000 Neuinfektionen pro Woche. Ein solcher Wert wurde bis jetzt nie erreicht und würde eine zweite Infektionswelle bedeuten. Es ist also wichtig, schnell Gegenmaßnahmen zu ergreifen, wenn der Wert in einem Landkreis überschritten wird. Dafür bin ich aber keine Expertin und es sollten EpidemiologInnen zu dem Thema befragt werden.

Bezüglich der Universiäten hätte ich mir mehr Unterstützung und Lösungsansätze bei der Kinderbetreuung gewünscht. So bekomen LehrerInnen unter bestimmten Bedingungen Notbetreuung zugestanden, HochschullehrerInnen oder Lehrende im Mittelbau der Universitäten aber nicht. Trotzdem haben gerade NaturwissenschaftlerInnen eine erhebliche Mehrbelastung zu bewerkstelligen, weil Praktika nur unter Einhaltung der Abstandsregeln und Hygienevorschriften durchgeführt werden können. Das erfordert eine Umstellung der Versuche und oft auch eine Durchführung der Praktika in mehreren Zügen, da nicht mehr so viele Personen gleichzeitig in die Praktikumsräume dürfen. Man braucht also auch mehr qualifizierte Betreuungspersonen für die Praktika, die allerdings nicht zur Verfügung stehen, weil sie zuhause sind und die Kinderbetreuung übernehmen müssen.

Wird sich unser Umgang am Campus in Zukunft ändern?

Ich vermute, dass wir bis auf weiteres nicht zur Normalität zurückkehren können, da das Virus noch sehr lange präsent wird. Solange es keinen Impfstoff gibt, und das kann Jahre dauern, falls sich die jetzigen Ansätze für die Impfstoffentwicklung nicht bewähren, gibt es Schutz vor einer Infektion nur durch geeignete Hygienemaßnahmen und Abstandhalten. Die jetzigen Schutzmaßnahmen werden mit der Zeit zwar gelockert werden, allerdings kann dies eine zweite Infektionswelle zur Folge haben. Deswegen müssen wir uns darauf einstellen, dass Großveranstaltungen, wie Sommerfeste, die berühmte Niko-Fete der Fak 2 etc. oder auch Vorlesungen mit vielen Studierenden wahrscheinlich nicht stattfinden können, da die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können. Die Krise wird unseren Umgang miteinander mindestens für die nächsten Wochen und vielleicht sogar Monate stark einschränken. Es gibt sicher auch positive Seiten, so wird z.B. die Digitalisierung der Lehre auf jeden Fall schneller vorangetrieben und möglicherweise werden diverse Meetings auch in Zukunft virtuell erfolgen. Das ist manchmal einfach praktischer.

Hat sich die Krise schon lange durch unser Verhalten angebahnt – und: Was sollten wir ändern?

Da die Weltbevölkerung stetig steigt, dringt der Mensch immer stärker in die Natur ein und kommt dadurch mit unbekannten Mikroorganismen in Kontakt. Diese Gefahr hat sich schon lange angebahnt und wurde von WissenschaftlerInnen auch schon vor Sars-CoV 2 erkannt und thematisiert. Das Vorgänger SARS Virus, das 2002/2003 auf den Menschen übergesprungen ist, ist ebenfalls ein Beispiel für eine sog. Zoonose, also eine Übertragung von Tier zu Mensch, oder auch das Ebola Virus und HIV. Da auch die Reisetätigkeit der Menschen im letzten Jahrhundert stark zugenommen hat, kann sich ein Virus innerhalb von Tagen auf der ganzen Welt verbreiten. So kann z.B. ein Infizierter mit dem Flugzeug ein Virus innerhalb von Stunden auf einen anderen Kontinent befördern. Das haben wir ja jetzt erst mit Sars-CoV 2 erlebt. Ich hoffe, dass diese Krise dazu beiträgt, dass wir uns dieser Gefahren stärker bewusst werden und unsere Einstellung zur Ökologie, zum Klimawandel und zur Ökonomie überdenken.



Verantwortlich für die Redaktion: Silke Reimann

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