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Stabsabteilung Chancengleichheit

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Chancengleichheit in der Krise

Interview mit Prof. Dr. Alice Pinheiro Walla, Juniorprofessur für Politische Philosophie Universität Bayreuth

Sie sind Philosophin. Welche Aufgabe sehen Sie in der Philosophie, wenn eine Krise bewältigt werden muss?

Prof. Pinheiro-Walla: Da gibt es viele Möglichkeiten! Wenn man aus der Moraltheorie kommt, kann man zum Beispiel nach den Pflichten der Individuen fragen: Wie sollen wir uns verhalten? Was sollen wir unter solchen Umständen tun? Natürlich gibt es je nach Rolle, zum Beispiel für Ärzt*innen und Profesor*innen, unterschiedliche Pflichten andere Menschen in einer Gesundheitskrise zu schützen. Aber wir können auch auf die Individuen schauen, die keine öffentliche Rolle haben. Wir können fragen: Was schulde ich anderen? In einer Krise gibt es sehr komplexe Erwartungen, vor allem weil wir so auf Distanz gehen müssen. Es werden Gefühle verletzt, Familien sind getrennt, man sieht seine Freunde oder die religiöse Gemeinde nicht und plötzlich können wir die Erwartungen der anderen nicht mehr wie üblich erfüllen. Wir können zum Beispiel keine Geburtstage feiern oder unsere Mutter besuchen. Man könnte überlegen mit einer Maske hinzugehen und welches Risiko man dabei eingeht. Die Gefühle und Erwartungen anderer mit der neuen Situation und dem Risiko einzuschätzen fällt nicht leicht.

Hier kann die Moraltheorie eine gewisse Hilfe leisten: Kant geht davon aus, dass man keine Philosophie braucht um zu wissen was moralisch richtig oder falsch ist. Kants Moraltheorie ist dem allgemeinen moralischen Bewusstsein entnommen, das heißt dem Moralprinzip nach dem wir handeln. Im Prinzip könnte jede*r, der/die sich selbst Gedanken macht eine Antwort finden: Was ist hier moralisch von mir gefragt? Was wird von mir vom anderen erwartet? Was ist hier geboten? Aber verschiedene Moraltheorien können auch verschiedene Perspektiven vermitteln, die hier weiterhelfen können. Bei Kant fragt man sich immer nach der Gleichheit von Menschen und nach dem Wert von Menschen: Wie behandle ich andere? Behandle ich sie wirklich als Zweck an sich? Oder als Mittel zum Zweck? Wenn man seine Mutter besucht um sie nicht zu enttäuschen, obwohl es ein Risiko für sie ist, dann stellt sich die Frage: Behandle ich diese Person wirklich als ein Selbstzweck? Da könnte man sich fragen ob man sie mehr respektiert wenn man sie enttäuscht. Natürlich muss man sich dafür auch entschuldigen! Bei Kant reicht es nicht einfach das Richtige zu tun. Bei Kant ist die Kardinaltugend Mut: Um das richtige zu tun muss man Mut haben. Man muss den Mut haben Menschen zu enttäuschen. Wenn man sich zum Beispiel dagegen entscheidet zu einer „Corona-Party“ zu gehen und sich von seiner Gruppe isoliert muss man Mut zeigen.

Man kann aus der Ethik auch die Selbstreflektion nehmen: Was motiviert mich etwas zu tun? In der Krise entstand zum Beispiel ein Denunziantentum. Ich spreche hier von Menschen die andere denunzieren um ihnen zu schaden und nicht einfach nur um Regelverstöße zu melden. Hier würde die Moralphilosophie Kants die Frage nach den eigentlichen Gründen stellen. Man kann die eigenen Handlungen immer rationalisieren – Kant nennt das „Vernufteln“ das bedeutet es tut uns weh anzuerkennen das man nicht vollkommen moralisch motiviert ist und das müssen wir vor unseren eigenen Augen verbergen. Weil die Gesinnung eine so große Rolle in Kants Moraltheorie spielt, fordert sie uns: Wir sollten so viel wie möglich nachfragen und reflektieren was in uns wirklich vorgeht und was uns motiviert.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit damit, welche Ansätze aus Kants praktischer Philosophie auf heutige Fragen anwendbar sind. Welche Rolle spielt aus philosophischer Sicht die Geschlechtergerechtigkeit in unserer aktuellen Corona-Krise?

Prof. Pinheiro-Walla: Wenn man historisch schaut ist Kant selber natürlich nicht DER Philosoph für die Gleichheit der Geschlechter. Man kann seine Theorie aber trotz der historischen Figur auf zeitgenössische Fragen anwenden. Seine Theorie sieht Menschen als vernunftsfähige Wesen sowie als sterbliche Wesen mit animalischen Bedürfnissen. Wir haben also eine animalische Natur, die sinnliche Natur, aber auch die Vernunft. Kant sieht also nicht nur die Vernunft, sondern er fragt sich auch wie sich unsere Befindlichkeiten und unsere Stellung in der Gesellschaft auf uns als Menschen auswirken. Seine Theorie betrachtet Menschen als radikal gleich. Natürlich können wir unterschiedliche Rollen einnehmen und eine Arbeitsteilung haben. Das Problem ist Kantisch gesprochen wenn Asymmetrien im Verhältnis zwischen Menschen einige Menschen grundsätzlich als ungleich, minderwertig oder weniger wertig behandelt. Es kann sehr wohl Differenzen, Arbeitsteilung und verschiedene Funktionen in der Gesellschaft geben, das muss aber mit dem gleichen Status  vereinbar sein. In dem Moment in dem wir nur die Interessen einer Gruppe der Gesellschaft, z.B. der arbeitstätigen Männer, berücksichtigen und nicht die der arbeitstätigen Frauen - weil sie andere Aufgaben zu Hause übernehmen aber keine politische Macht haben und nicht gehört werden -tragen die Frauen am Ende eine größere Last. Das ist eine Ungleichheitsbehandlung. Wenn Männer mehr care-arbeiten wie homeschooling und so weiter übernehmen würden wären sicher schnelle Lösungen da.

Es gibt einen berühmten Sketch in dem eine Frau bei der Arbeit stillen musste, dafür bekam sie nur einen kleinen Abstellraum. Man hat sich dann vorgestellt wie es wäre wenn Männer stillen würden: Wahrscheinlich gäbe es einen schönen Salon mit bequemen Ledersesseln. Das heißt: Warum werden die Themen die  Frauen mehr belasten wie Kinderbetreuung nicht mehr thematisiert? Weil Frauen politisch schlechter vertreten sind und weniger Macht haben, werden ihre Interessen nicht ernst genommen. Die Ressourcen und der politische Wille geht in die Richtung der weißen Männer, also der Machthaber. Kantsich gesprochen: Was wäre falsch daran? Das ein arbeitstätiger Teil der Bevölkerung, die genauso Staatsbürgerinnen sind, nicht gleich behandelt wird. Ihre Interessen und Probleme zählen nicht gleichermaßen. Das ist ein großes Problem der Ungleichheit. Andere Moraltheorien könnten auch zeigen wie die Benachteiligung der Frauen sich negativ auf die gesamte Bevölkerung auswirkt. Eine Gesellschaft die gerecht ist, wäre effizienter und es ginge allen besser. Eine utilitaristische Perspektive könnte das aufzeigen. Bei der Kantischen Lektüre ist der Fokus eher auf dem Status der Frauen als „nicht gleich“ der berücksichtigt werden muss. Das ist eine Asymmetrie die unter Gleichen nicht zu rechtfertigen ist.

Sollte die Philosophie mehr Beachtung bei politischen Entscheidungen finden? 

Prof. Pinheiro-Walla: Ich denke schon! Das hat auch Platon schon gesagt. Obwohl Philosophen gut Probleme identifizieren und thematisieren können, passiert es nicht so oft weil sie den Interessen wiedersprechen. Wenn sie von Gleichheit und Gerechtigkeit sprechen, kann das vielen auch sehr moralisierend vorkommen. Schon Kant thematisierte, dass oft gedacht wird die Theorie lasse sich nicht gut in die Praxis umsetzen. Dabei sollte die Theorie ja die normativen Maßstäbe für die Praxis geben, es gibt nur einen Mangel an Interesse und Wille. Gerade jetzt in der Corona Krise sieht man das: In der Debatte um das Klima und die Umwelt wurde oft gesagt die Ziele lassen sich nicht so leicht umsetzen. Dann kommt die Corona Krise und plötzlich sind viele Dinge möglich die man für unmöglich hielt, da jetzt der Wille und die Notwendigkeit da ist. Auch der gute alte öffentliche Intellektuelle ist ein bisschen aus der Mode geraten, ich denke der letzte war Habermas. Vielleicht sollten wir das rehabilitieren. Die Philosophie wird immer stärker professionalisiert. Andererseits sieht man in den Medien einen Zuwachs der Philosophie in der Öffentlichkeit. Mehr und mehr Philosoph*innen schreiben Blogs und Artikel in Zeitungen, was gut aufgenommen wird. Viele Menschen sind interessiert daran ihre eigenen Handlungen und öffentliche Themen tiefer zu reflektieren. Wir sollten die Menschen mehr dazu anregen, da es die öffentliche Meinung positiv beeinflussen kann. 


Verantwortlich für die Redaktion: Silke Reimann

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